50 Jahre IT

Zeitzeuge Buchungssystem in den 70-ern: Franz ANGELO Gruber

Franz ANGELO Gruber

Programmierer Buchungssystem SUSY, Projektleiter Darlehen, Teamleiter Programmierung bei der Adaptierung des Girosystems für die Girozentrale (GIBSY), Teamleiter Buchungssystem.

In Linz beginnts

Nach einigen erfolglosen Versuchen erfüllte sich Anfang 1970 bei der SPARDAT (Sparkassen-Datendienst) mein Traumberuf Programmierer. Die Voraussetzungen dafür war ein erfolgreicher Programmierer-Test, Sparkassenpraxis war von Vorteil. Fundierte Ausbildung gab es keine und nach Schnellsiederkursen in einer maschinennahen (Bull-Basisautocode) und in einer höheren Programmiersprache (COBOL) ging es zur Sache. Programmieren war in den 70-ern ein mühsamer Prozess. Das Programm wurde auf Codierblätter geschrieben, dann wurden von der Locherin die Lochkarten erstellt und vom Programmierer in das Rechenzentrum geschickt. Zurück kam eine Liste und mit Glück die Bestätigung, dass das Programm lauffähig ist. Danach wurde mit Testfällen die Funktionstüchtigkeit verifiziert. War diese gegeben, ging es ab in den Echtbetrieb. Die wirklichen Probleme stellten sich leider oft erst in der Praxis heraus. Rückblickend ist es für mich ein Wunder, dass es trotzdem immer irgendwie funktioniert hat

Wegen der bevorstehenden Eröffnung des Rechenzentrums in den Räumen der Allgemeinen Sparkasse in Linz war das bunt zusammengewürfelte fünfköpfige Projektteam (mit dabei:  Herbert Suntych, Sepp Hutter und Heinrich Hinterberger) total im Stress. Für einen Anfänger war kein Platz und so durfte ich als Beschäftigungs-Therapie den Giroabschluss in der  maschinennahen Sprache Bull-Basisautocode schreiben – eingesetzt wurde das Programm nie! Den ersten Computer sah ich im ORF-Rechenzentrum – es war der Wahlcomputer, der mich schon immer fasziniert hatte. Ich sollte dort ein Programm testen und hatte davon natürlich keine Ahnung. Ich erkundete die Maschine bis der ORF-Operator meinem Treiben ein jähes Ende setzte – das war mein letzter Auftritt beim ORF. Endlich durfte ich auch nach Linz. Wegen des bevorstehenden Einsatzes war ich dort als „Mädchen für alles“ gefragt. Einer alten Dame, die wegen der lauten Klimaanlage nicht schlafen konnte, überreichte ich Blumen und für das leibliche Wohl der gestressten Programmierer holte ich Grillhendl und Bier vom gegenüberliegenden Wienerwald. So habe auch ich einen Beitrag zur Umstellung der Allgemeinen Sparkasse auf das SPARDAT-Buchungssystem geleistet.

Super-System (SUSY) für die Sparkassen

Drei Monate nach der Umstellung der Allgemeinen Sparkasse Linz wurden die Entwicklungen der Girozentrale und Bausparkasse mit der SPARDAT zusammengelegt. Mit vereinten Kräften wurde die Umstellung der Sparkassen auf das neue Buchungssystem forciert. Dazu war auch die Ablöse der Bull-GE durch die IBM-Serie 360 notwendig. Für das Umschreiben auf das neue System gab es ein enges Zeitfenster von 9 Monaten und zur Motivation ein Prämiensystem. Für das Unterschreiten der Zeit gab es mehr Geld und beim Überschreiten ging die Prämie gegen null. Vom Linzer Team waren außer mir nur zwei übrig (Heinrich Hinterberger und der Chefprogrammierer Bruno Schwarzinger), daher wurde das Team mit drei erfahrenen Neuzugängen (Ing. Franz Redl, Rudi Zabusch und Gerhard Fessl) und Dolores Fitzthum als Locherin verstärkt. Einen Franz gab es also schon und so werde ich seit dieser Zeit ANGELO gerufen. Nach dem Spiel in den ersten 6 Monaten wurde es für mich jetzt ernst. Ich musste die Spar- und Dauerauftragsprogramme auf das IBM-System umschreiben. In den ersten Monaten haben wir die Programme in Wien einsatzbereit gemacht. Danach ging es zum Testen nach Linz, wo mittlerweile eine IBM-360 zur Verfügung stand. Dort wurde das System mit einer geringfügigen Verzögerung abgenommen. Im Laufe des Jahres 1971 wurden die Programme  in Linz und in den neu errichteten Rechenzentren Graz und Innsbruck eingesetzt.

Im Praxisbetrieb machte sich dann der Zeitdruck leider negativ bemerkbar. Der erste Jahresabschluss im Jahr 1971 schrammte knapp am Desaster vorbei. Mit einem neuen Teamleiter wurde eine Taskforce ins Leben gerufen und ich durfte einen Teil der Programme neu schreiben, darunter das Spar-Buchungsprogramm, das ich dann bis zur Ablöse durch ein ONLINE-System betreute. Das Programm „Sparbuch“ hatte im Endausbau um die 10.000 Zeilen und war 20 Jahre im Einsatz. Getestet wurden die neuen Programme im Closed-Shop-Betrieb in Wien und in einem der Rechenzentren zwischen 0:00 und  10.00 Uhr. So lernte ich nach Linz auch Graz und Innsbruck kennen. Ich sehe noch heute die Neider, wie ich im Frühling sonnengebräunt aus Innsbruck zurückkam – geschlafen hatte ich untertags bei der Mittelstation der Hafelekar-Bahn. Durch die diversen Verbesserungsmaßnahmen stabilisierte sich der Betrieb und die  Änderungen des Zinsniveaus im Jahr 1974 konnten problemlos abgwickelt werden. Dabei wurden die Zinsen für praktisch alle Sparbücher geändert. Mit einem einfachen Programm ermöglichte ich es den Kundenberatern, die Zinssätze zu ändern und ich konnte meine Hochzeitsreise antreten.

Neues Darlehenssystem (DORIS) komplettiert das Buchungssystem

Als letzte Geschäftssparte wurden die Hypothekardarlehen noch manuell abgewickelt. Als Projektleiter sollte ich mit einem kleinen Team diese Lücke schließen. Bisher hatte ich definierte Aufgabenstellungen programmiert und jetzt war es meine Aufgabe, die Vorgaben für die Programmierung zu erarbeiten. Im Rechenzentrum der Kärntner Sparkasse war bereits ein Darlehensprogramm im Einsatz. Im ersten Schritt leiteten wir die Eingaben der Allgemeinen Sparkasse in Linz nach Klagenfurt zur Verarbeitung weiter. So nahmen wir den Zeitdruck heraus und konnten vom Know-how der Programmierer der Kärntner Sparkasse partizipieren. Die Programmierung erfolgte in einem kleinen Team (Johannes Dolleschal und Reinhold Mayer) und die Abschlusstests fanden wieder einmal in Linz statt. Ewig in Erinnerung ist mir die Inbetriebnahme für die Allgemeine Sparkasse in Linz. Dazu wurden neue Tilgungspläne in 2-facher Ausfertigung erstellt. Das brachte die Maschine an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Irgendwie haben wir dann auch diese Klippe umschifft und das System konnte in Betrieb gehen. Die Darlehensprogramme waren dann über 20 Jahre für alle Sparkassen der Buchungsgemeinschaft im Einsatz.

Giro-Buchungssystem (GIBSY) für die Girozentrale

Nach der erfolgreichen Inbetriebnahme des Darlehenssystems stand die Änderung der Giro-Programme für die Umstellung der Girozentrale (damals zweitgrößte Bank Österreichs und 100 % – Eigentümer der SPARDAT) und der Buchungsgemeinschaft der Vorarlberger Sparkassen an. Als Teamleiter war ich für die erste große Änderung des Giro-Systems zuständig. Es war notwendig, ein zusätzliches Kontonummernsystem zu implementieren und die Modalitäten der Girozentrale abzudecken. Die Aufgabenstellung kam vom Umstellungs-Projektleiter Johannes Größing und für die Umsetzung war ich als Teamleiter verantwortlich. Wieder einmal war der Zeitdruck enorm und allein aus Prestigegründen durfte bei der Umstellung nichts schief gehen. Das Ganze ging an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit, aber irgendwie haben wir es dann doch geschafft. Damit war aber nur die erste Hürde genommen, denn das geänderte System musste auch für die Sparkassen eingesetzt werden. Das brachte wieder einmal die Maschinen an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Nach einer Terminverschiebung und einigen Tuning-Maßnahmen wurden die Programme dann in den anderen Rechenzentren zum Einsatz gebracht.

Das Buchungssystem im laufenden Betrieb

Ab 1977 war ich gemeinsam mit 2 Kollegen (Johannes Dolleschal und Heinz Dürr) für die Betreuung des gesamten Buchungssystems (Giro, Spar und Darlehen) verantwortlich. Das Wichtigste war neben kleinen Verbesserungen die Sicherstellung des laufenden Betriebs. Mittlerweile buchten fast alle Sparkassen bei der SPARDAT und Programmabstürze im Tagesgeschäft verhinderten die zeitgerechte Auslieferung der Buchungsunterlagen. Es kam öfters vor, dass ich während der Nacht mittels Ferndiagnose die Programme wieder zum Laufen brachte. Wenn ich heute zurückdenke, wundere ich mich noch immer, dass es letztendlich doch immer wieder funktioniert hat und ein wirkliches Desaster ausgeblieben ist.